Shoemakersche Wende

Die ersten Golfschläge auf einer wunderbar heruntergekommenen Driving Range waren reinste Magie. Die meisten Golfer, die erst später mit diesem Spiel begonnen haben, teilen die Erinnerung: Das Schlägerblatt trifft einigermaßen gerade auf den Ball. Es fühlt sich anders an, als bei dem Schlag zuvor, bei dem der Boden zu früh im Weg war oder dem Schlag davor, bei dem man nur gerade eben den oberen Rand des Balles berührte. Kaum eine spürbare Vibration wird durch den Schläger an die Hände und Arme weitergegeben und der Ball fliegt unvorstellbar gerade und sicher fast 100 Meter in die Ferne. Kolossal!

Das sind die Momente, in denen viele dem Spiel verfallen. Insbesondere, wenn sie nach der Stunde des Herumprobierens bemerken, dass während dieser Zeitspanne kaum eine Sekunde lang Gedanken produziert worden sind, sondern man nahezu die ganze Zeit ganz bei dem Versuch geblieben ist, seinem Dilettantismus zu frönen. Mir jedenfalls ist es so ergangen. Leider bin ich dann nach kurzer Zeit dem Slogan verfallen, den viele einigermaßen talentierte Neugolfer für das einzig wahre Credo halten: Wider den Dilettantismus! Welch ein Irrweg.

 

Es folgte eine jahrelange Suche nach dem einen Hinweis, der einen Technik, dem einen Gedanken, der mich zu einem bestmöglichen Spieler machen würde. Auf diesem Weg tauchen zwangsläufig einige Namen auf: Leadbetter, Haney und dann in Deutschland sicher Heuler und - ganz besonders dramatisch - Zacharias. All diese grundsätzlich sicher bemerkenswert klugen Geister fallen insbesondere dadurch auf, dass sie es geschafft haben, etwas Genialisches um ihre Personen zu erzeugen, das ihnen eine bemerkenswert stabile Gefolgschaft sichert. Für Jemanden, der gerade beginnt, einen neuen Weg zu beschreiten, ist es nicht ungewöhnlich, sich den hellsten Sternen am Firmament zuzuwenden, selbst wenn man sich nicht sonderlich anfällig für blinde Gefolgschaft oder Schwärmerei wähnt. Was dann folgt, sind nahezu sicher Jahre, in denen man verzweifelt versucht, Lag aufzubauen, bestimmte Positionen einzunehmen, die eine golfende Maschine ganz sicher und reproduzierbar erreicht oder gar Religionen entlehnte Verhaltensweise kultiviert, wenn man Bibeln zu kurzem Spiel oder dem Putten studiert.

In der Rückschau glaube ich, dass ich ganz besonders anfällig für die Verlockungen dieses Weges war. Ich habe einen großen Hang zur Fehlervermeidung. Es scheint daher logisch, dass man sich an anerkannten Größen eines Faches orientiert, statt mutig seinen eigenen Weg zu suchen. Immerhin ist es so möglich, stets auf die attestierte Richtigkeit eines Weges zu verweisen. Außerdem bin ich ein Bewunderer ästhetischer sportlicher Bewegungen und Aktionen. Mal abgesehen davon, dass diese Leidenschaft durch meine Nähe zum ruhmreichen FC Schalke 04 üblicherweise nicht gerade üppig genährt wird: Die oben genannten Expertenwege führen wenigstens zu einer halbwegs gut anzusehenden Golfbewegung. Doch das ist tatsächlich sogar der Eintritt in eine Abwärtsspirale. Je öfter man Komplimente für einen scheinbar vorzeigbaren Schwung bekommt, desto mehr verharrt man (als Coach muss ich mich hier korrigieren: verharre ich!) bei dem bisher Gelernten. Letztlich kommt dann noch eine weiterer Aspekt dazu, der es für mich besonders schwierig gemacht hat: Mit Beginn meiner Golfleidenschaft habe ich mir vorgenommen, ein für alle Mal mein Selbstbild neu zu malen, dass immer auch beinhaltete: Ich höre auf, wenn es schwierig wird. Eigentlich kein Wunder, dass ich mir einen besonders steilen Lernpfad ausgesucht habe.

Nach mehreren Jahren des verkrampften Versuchs, einfach besser zu werden, der völlig misslang, jedenfalls, wenn ich es rein auf die Ergebnisse beziehe, kam ich irgendwann an einen Punkt, an dem ich offen war für den Impuls, der mich ein wenig von meinem Weg zur Seite schubsen, aber äußerst positiv beeinflussen sollte: Seit der Lektüre des außergewöhnlichen Buches "Extraordinary Golf" von Fred Shoemaker spiele ich endlich ein Spiel, das mir permanent Freude, Anregung oder sogar Erkenntnisgewinn beschert. Auf den ersten Blick, beim ersten schnellen Durchblättern erscheint dieses Buch alles andere als außergewöhnlich zu sein. Man stößt auf Bilderserien von guten und schlechten Golfschwüngen, auf Übungen und gar auf das Schlimmste von Allem: Zeichnungen von Golfschwüngen. Das sind aus meiner persönlichen Sicht genau die Dinge, die schlechte Lehrbücher und Lehrer ausmachen: Rezepte, die, wenn man sie nur richtig anwendet, zu einem schmackhaften Ergebnis führen. Wenn das nicht der Fall ist, dann - so wird suggeriert - hat man als Schüler einfach etwas falsch gemacht und muss lediglich das Rezept noch einmal anwenden. Aber wenn man dann das Buch liest, dann merkt man sofort, dass der Autor auf etwas ganz Anderes hinaus will: Die Freiheit, die jeder Spieler in dem Spiel finden und die außergewöhnliche Erfahrung, die man machen kann, wenn man seinen Fähigkeiten vertraut und alle Angst fahren lässt. Man mag nun denken, dass dies viel mehr nach Bibel klingt, als die oben erwähnten Positionen. Doch aus meiner Sicht ist es das genaue Gegenteil: Extraordinary Golf überträgt die Verantwortung für ein bereicherndes Spiel auf den Spieler, in den Spieler und ermutigt ihn, einen neuen Weg auszuprobieren. Die oben genannten technisch orientierten Ansätze hingegen setzen den Lehrer und dessen Lehre in den Mittelpunkt. Meine Begeisterung für dieses Buch speist sich aus genau dieser Fokuswende: Von der Bewegung zum Ziel, vom Werkzeug zum Erzeugnis, von der Wertung zur Beobachtung. Es gibt immer noch Tage, Golfrunden, Trainingsmomente, in denen mir das so gar nicht gelingen will. Dann trage ich alles, was ich tue, auf einer Skala des Misserfolges ein. Doch in vielen Fällen gelingt es, ausschließlich den Prozess zu sehen und zu erleben. Dabei kann ich nur gewinnen.

Ich bin mir sicher, dass man in beiden Ansätzen seinen persönlichen Gewinn finden kann. Aber noch sicherer bin ich mir, dass Golf eine viel zu schöne Beschäftigung ist, als dass man in ihr lediglich das korrekte Ausführen von Bewegungen üben kann. Daher kann ich für mich konstatieren, dass das Entdecken von Fred Shoemakers Ansatz nicht nur mein Golfspiel, sondern in gewisser Weise sogar mein Leben bereichert hat. Allerdings bin ich mir ebenfalls sicher, dass dieses Entdecken auch durch völlig andere Bücher oder Eindrücke hätte passieren können. So sind beispielsweise die Bücher von Michael Murphy ("Golf in the Kingdom"), Bob Rotella ("Der 15. Schläger") oder W. Timothy Gallwey ("The Inner Game of Golf") ebenso dazu geeignet, die Sicht auf das Golfspiel zu bereichern. Offensichtlich habe ich sie aber zu einem für mich unpassenden Zeitpunkt gelesen, so dass sie nicht ihre volle Wirkung entfalten konnten.

 

[1] Wiki: Dilettant
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