Hackers Traum: Unter 80

In den ersten zwei Golfjahren stellte ich mir nicht einmal im Ansatz die Frage, sondern hatte zumeist einfach nur Spaß daran, immer mehr Sicherheit auf dem Platz und drumherum zu entwickeln. Aber irgendwann erwischt es die meisten, mich jedenfalls. Die Frage wurde bei mir im Laufe der Zeit immer präsenter: Wie kann ich einen Score unter 80 Schlägen erzielen?

Natürlich, möglichst in einem Turnier. Doch hätte ich mich auch nicht über ein solches Ergebnis bei einer entspannten Abendrunde beschwert. Interessanterweise habe ich diesen Wunsch immer völlig unabhängig von dem anderen hohen Leuchtturm, den der anfangseuphorische und halbwegs koordinierte Golfer üblicherweise ansteuert, gesehen, auch wenn ich dann dennoch beide Häfen im gleichen Jahr erreichen sollte.

In der Rückschau würde ich fast sagen, dass mit dem ersten Formulieren dieses Ziels mein Spiel für ungefähr drei Jahre immer schlechter wurde. Vermutlich lag es nicht direkt an diesem Ziel. Doch die Mission „Unter 80“ markiert auf meinem Weg deutlich die Abkehr vom naiven, unschuldigen Genießen des Anfangs und eine Fokussierung auf den Leistungsanteil des Spiels. Zumal ich zu diesem Zeitpunkt nur selten in der Lage war unter 90 zu bleiben… reine Hybris? Oder der Ansatz: Große Vision, tolle Entwicklung? Eine Mischung.

Absolut sicher hatte ich zu diesem Zeitpunkt vor allem die mentale Stärke, die zum Auspendeln des Auf und Ab im Laufe der drei, vier Stunden einer Runde notwendig ist, noch nicht ausgeprägt. Als notorischer Misserfolgsvermeider war ich zwar nicht auf der Seite derjenigen, die am vierten Loch bereits den achten Ball spielten, aber genau wie die Adrenalinsucher musste auch ich erst verstehen, wie ich mein Spiel spielen kann. Hierzu musste ich mich zunächst von meiner etwas zu vorsichtigen Art zu spielen verabschieden, da diese nicht nur mentale, sondern auch motorische Blockaden mit sich gebracht hat. Ein eindeutiges Muster war über die Runden kaum zu erkennen. Manchmal lief es am Anfang schief, mal gab es Hänger zwischendurch. Seltener war der Einbruch zum Rundenende.

Für fast drei Jahre hing ich in meinem von hohem Zeiteinsatz und Verbissenheit, aber enormer Erfolglosigkeit gekennzeichneten Spiel fest. Ich hatte schon das Gefühl, mich permanent zu verbessern, aber wirklich messbar in Form von Scores war das nicht. Eher im Gegenteil.

Es ist spannend, heute zu berichten, was mir damals nicht mal ansatzweise bewusst war: Ich war an allen Ecken meines Lebens belastet, studierte neben einem nicht wenig anspruchsvollen und zeitintensiven Job, körperlich war ich angeschlagen an Fußgelenken und Rücken. Wie konnte ich erwarten, dass ich nebenher noch schnell bestmögliches Golf spielen könnte? So weit zur Hybris. Vor allem aber so weit zur Ignoranz, die man häufig für seine eigene Situation mitbringt.

Doch irgendwann kamen dann die guten Dinge zusammen, die große Vision rückte näher. Von meiner Entdeckung Fred Shoemakers habe hier schon berichtet, mir ging es beruflich und privat besser, körperlich gesundete ich. Durch die vorangegangenen Jahre der golferischen Frustration war ich anfangs noch skeptisch, ob die spürbare Verbesserung meines Spiels nicht nur eine Illusion war. Hatte ich nicht auch in den Jahren zuvor immer davon berichtet, dass wahlweise der Drive, das Chippen oder das Pitchen plötzlich auf neuem Niveau seien? Neu war, dass mein Putten immer besser wurde. Neu war, dass ich entspannter mit Rückschlägen umging. Neu war, dass ich mich plötzlich auf dem Platz so richtig wohl fühlte. Während ich in den Jahren zuvor am ersten Abschlag sehr nervös war, freute ich mich nun auf das, was vor mir lag und nicht nur auf die Hoffnung, nach der Runde von einem guten Ergebnis berichten zu können.

Wenige Tage zuvor hatte ich bereits im oben angesprochenen anderen Hafen angelegt. Nun ging es zu meinem Lieblingsturnier, dass ich hier (LINK) entdeckte und dem Titel des Threads nach wie vor zustimme. Vier Tage Zählspiel hintereinander auf einem sehr hübschen Platz. Ein immer wieder wunderbarer Kurzurlaub. Völlig unabhängig davon, dass ich hier noch nie wirklich gut gespielt hatte. Sicher war es förderlich für meine Stimmung, dass zwei liebe Golfkumpels mit von der Partie waren, während ich in den Jahren zuvor immer alleine den Weg nach Norden angetreten hatte.

Die erste Runde war eine typische Grambeker Runde für mich. Prinzipiell hatte ich ganz gut gespielt, vor allem, wenn ich den teilweise starken Regen als Ausrede gelten lasse. Die übel gehackte 9 auf der dritten gespielten Bahn ließ ein sehr gutes Ergebnis recht unwahrscheinlich werden. Dennoch war die 91 keine Katastrophe zum Auftakt und fühlte sich vor allem nicht so an. Am folgenden Tag war das Wetter schon ein wenig freundlicher, die ganz hohen Nummern ließ ich weg, aber weniger als eine 87 wurde es dennoch nicht. Doch abgesehen von einem Ping-Pong-Gehacke auf einem recht übersichtlichen Par 3 fühlten sich die Schläger gut in der Hand an und ich war vor allem sehr entspannt. Das gab sich dann aber, als ich erfuhr, dass ich am nächsten Morgen bereit um kurz nach 8 würde abschlagen dürfen. Frühaufsteher aus Leidenschaft werde ich in diesem Leben nicht mehr, weder Körper noch Geist sind so richtig begeistert, wenn sie vor 7 aufstehen müssen. Sie tun es, aber eben nicht gerne. Es fühlte sich dann -trotz eines ganz ordentlichen Einschlagens- auch nicht sonderlich gut an, als ich meinen ersten Abschlag machte. Schlapp pullte ich ihn in die Nähe der Bäume. Ein paar Äste vor mir und noch 200 m bis zum Grün. Was tun? Ich entschied mich, den Ball auf eine tolle rechts-links Bahn zu befördern, die ganz kurz das Fairway unter dem Ball durchzischen ließ, das Semi-Rough, das Rough, um ihn endlich in der Nähe eines weiteren Baumes landen zu lassen. Das lief ja ganz gut. Immer noch knapp 100 m bis zur Fahne. Ehrlich gesagt war es das dann aber auch mit schlechten Schlägen für dieses und die nächsten 16 Löcher. Ich schlug einen ganz ordentlichen flachen Ball auf Fahnenhöhe knapp neben das Grün, chippte stark und lochte zu einem sehr schmeichelhaften Bogey. Von nun an spielte ich mehr oder weniger fehlerfreies Golf auf meinem Niveau. Abgesehen von einem sehr langen Putt, der allerdings auch nicht übel gewesen, wenn er nicht gefallen wäre, waren dabei allerdings keine Glücksschläge oder wunderliche Vorkommnisse zu verzeichnen, sondern einfach nur ruhiges Spiel ohne Aussetzer. Und so fiel mir lange auch gar nicht auf, dass ich für meine Verhältnisse sehr gut spielte. Es fühlte sich einfach richtig an, so wie es sich in den Wochen zuvor immer wieder richtig angefühlt hatte. Nun, am Abschlag der 17 mussten wir dann zum ersten Mal etwas warten. Ein hervorragender Augenblick für mich, um mir bewusst zu machen, dass ich sehr ordentlich lag. Plötzlich war sie da, die Nervosität. Als ich abschlug, war ich tatsächlich auf das Schlimmste gefasst. Na, das war ja nochmal gut gegangen, lediglich wieder ein bisschen gepullt, aber hier war die Bahn nach links offener. Ich hatte keine perfekte Linie zur Fahne, aber es ging. Hm, noch einmal musste ich auf meinen Schlag warten. Das Herz schlug nun spürbar. Ich wollte einen flachen Ball schlagen, der bei optimalem Verlauf auf das Grün laufen konnte, ein lockerer Schlag. Ein lockerer Schlag hat bei mir nur leider gelegentlich die Tendenz meine Hände zu locker werden zu lassen und dann zu hooken. Genau das passierte auch hier. Der Ball flog prinzipiell gut getroffen in einer hübschen aber völlig unangebrachten Kurve über einen Busch am linken Rand des Fairways. Ich konnte ihn nicht mehr sehen, meine Mitspieler auch nicht. Ich musste schlucken und schlug einen provisorischen Ball hinterher, der keine Augenweide war, aber sicher im Spiel blieb. Als ich auf Höhe des Busches war, sah ich, dass ich das Glück des, äh, Glücklichen hatte. Nicht nur, dass der Ball relativ ungefährlich recht weit weg von jeglichem Buschwerk direkt auf Fahnenhöhe lag. Dazu kam noch, dass ich den Bunker um einen knappen halben Meter verfehlt hatte. Ich war derart erleichtert, dass der folgende Chip sich wie ein Werfen einer Papierkugel in einen nahen Papierkorb anfühlte (hatte ich von einer ähnlichen Analogie nicht mal bei Gallwey gelesen?), der Ball direkt neben dem Loch liegenblieb und das Par kaum noch Formsache war. Allerdings war nun der Abschlag auf der 18 ein wirklich angespannter, denn das Bewusstsein, dass noch etwas schiefgehen konnte, war nun leider geweckt. Der Abschlag war dann auch etwas mutloser als auf den vielen Löchern zuvor, aber keineswegs schlecht. Leider konnte ich das von dem folgenden Schlag nicht behaupten. Kraftvoll sollte der Ball mit einem hart geschlagenen Eisen auf das Grün fliegen. Was manchmal klappt, führte hier zu einem getoppten Ball, der 100 m nach vorne hoppelte. Ich war nun nervlich wirklich gefordert. Doch der Pitch war ganz in Ordnung und fand das Grün, wenngleich etwas weiter vom Loch entfernt, als ich mir das vorgestellt hatte. Nun zu meiner Paradedisziplin, was sollte passieren? Allerdings waren noch ungefähr acht Meter und kurz vor der Fahne auch noch eine kleine Stufe zu überwinden. Dazu kamen die gerade so lieb gewordenen Zweifel und es folgte eine äußerst mäßiger erster Putt, der zwar die Stufe überwand, aber gut drei Meter neben dem Loch zur Ruhe kam. Nun hatte ich in der Zwischenzeit nicht vermeiden können, mir klar darüber zu werden, dass ich relativ weit von der 80 entfernt war. Daher war ich trotz des ersten Putts plötzlich sehr ruhig und was sollte nun anderes passieren, als ein wunderbarer Putt in die Lochmitte, der die Runde mit 76 Schlägen und fünf über Par besiegelte. Ein langer Weg hatte hier sein Ende gefunden.

Welche Moral hat diese Geschichte? Einiges kommt in Betracht: Manchmal dauert es einfach ein bisschen länger, um das Ziel zu finden. Es bedarf keiner Zauberei, sondern nur einer Runde mit einigen Pars und einigen Bogeys, um unter 80 zu spielen. Manchmal beginnt etwas wirklich Gutes mit einem Rückschlag. Oder sogar mit zweien. Aber wenn es dann läuft, dann tut man gut daran, es auch laufen zu lassen. Ungünstige Umstände (hier: frühes Aufstehen) fühlen sich zwar meistens blöd an, aber verhindern nicht unbedingt etwas Tolles. Wenn man mal Glück hat, dann darf man es auch ruhig akzeptieren, für Pech gilt aber das Gleiche. 

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